Der Initiator der politischen Wende in Eilenburg, Peter Burck, tritt nach 30 Jahren in der Kommunalpolitik im Stadtrat nicht mehr an. Redakteurin
Ilka Fischer sprach mit dem 79-Jährigen über die Wende-Demos mit NVA-Lautsprecher-Technik und Offizieren in Zivil sowie über Siege und Niederlagen in der Kommunalpolitik.

Bei Peter Burck weckt die von ihm organisierte Wende-Demo am 8. November 1989 noch heute viele Emotionen. Auf dem Treppenabsatz vor dem Rathaus hat er 1989 gesprochen. Fotos: privat/Wolfgang Sens; Montage: Wolfgang Sens

Der Name Peter Burck ist in Eilenburg vor allem auch mit den zwei Eilenburger Demonstrationen im Wendeherbst verbunden. Die Berichterstattung über diese war meine journalistische Feuertaufe, bei der ich viel Herzklopfen hatte. Ging es Ihnen eigentlich ähnlich?

Sicher. Die erste Demo in Eilenburg fand am 8. November bei klirrender Kälte statt. Ich war emotional sehr stark beteiligt. Die Demonstration bei der Polizei anzumelden, das war schon aufregend genug. Zudem fühlte ich mich für die Sicherheit der Teilnehmer verantwortlich. Ich hatte große Bedenken, wenn Tausende Demonstranten vor der Stasi-Kreisdienststelle vorbeilaufen, dass es zu Eskalationen kommen könnte.

Doch selbst der LVZ entging damals, dass Sie einen heimlichen Verbündeten hatten.

Ja. Mein Freund Lothar Winter war als Stabschef bei der Eilenburger NVA ein überzeugter SED-Genosse, der aber die gesellschaftlichen Probleme in der DDR klar erkannte. Ich hatte mit ihm, mit dem mich das gemeinsame Hobby der Felskletterei verband, bis zu seinem Tod vor zwei Jahren Kontakt. Er hatte mir damals versichert, dass einige der auf Veränderung orientierten jungen Offiziere in Zivil, aber bewaffnet, mitlaufen würden. Sie hätten eingegriffen, wenn von der Stasi jemand Amok gelaufen wäre. Das war eine große Beruhigung für mich. Eindrucksvoll, aber friedlich sollte die Demonstration sein. Ich bin heute noch stolz darauf, dass dies auch in Eilenburg mit rund 7000 Demonstranten gelungen ist.

Am Ende traten damals 21 Sprecher ans offene Mikrofon. An wen erinnern Sie sich besonders?

Jochen Lässig war einer der sieben autorisierten Sprecher des Neuen Forums im Bezirk Leipzig. Es brandete damals Beifall auf, als er verkündete, dass der legalen Gründung des Neuen Forums nichts mehr im Wege stehe. Doch ich hatte auch einen gewissen Respekt, dass sich sowohl Heinz Laugwitz als Bürgermeister wie auch Anita Donath von der SED-Kreisleitung der Wut der Massen samt deren Pfiffen stellten. Zum Glück hatten unsere Ordner alles fest im Griff. Am Ende habe ich das damals aktuelle Gedicht von Wolf Biermann mit dem Refrain „Nun atmen wir wieder die faule Traurigkeit raus aus der Brust“ vorgetragen. Heute stehen diese Zeilen deshalb auf der Bronzeplatte zur Erinnerung an den Wendeherbst an der Rathaustreppe.

Bei der zweiten Demonstration, die als Kundgebung auf dem Markt 14 Tage später stattfand, lief dann alles schon weitaus professioneller ab?

Ja und das auch, weil wir dank der oben erwähnten besonderen Verbindungen nun sogar einen Lautsprecherwagen der NVA zur Verfügung hatten. Nach dem Mauerfall am 9. November ging die demokratische Erneuerung nur schleppend voran. Deshalb rief das Neue Forum am 22. November zu einer erneuten Kundgebung auf dem Eilenburger Markt auf, zu der noch einmal etwa 2000 Teilnehmer kamen. Als Vertreter des Neuen Forums bedankte ich mich, dass wir nun eine Anlaufstelle in der August-Fritzsche-Straße hatten. Im Vorfeld hatte ich alle alten und neuen gesellschaftlichen Organisationen um qualifizierte Redebeiträge gebeten. Lediglich die CDU hatte sich diesem Anliegen verwehrt und wollte der SED noch nicht in den Rücken fallen. Eine Ausnahme war dabei Frau Dr. Wächter, die den großen Nachholebedarf im Gesundheitswesen thematisierte. Diese Courage rechne ich ihr heute noch hoch an.

Bei der ersten freien Volkskammerwahl im März 1990 erlitten Sie dann aber mit dem Neuen Forum eine krachende Niederlage.

Richtig. Das war hart. Wir hatten als Neues Forum die Wende organisiert und gut gemanagt und bekamen trotzdem nur ganz wenige Stimmen im Vergleich zur Allianz für Deutschlands des Politprofis Helmut Kohl. Das Parteiensystem hatte keinen Platz für eine Bürgerbewegung, die so inhomogen war wie das Neue Forum. Ich selbst war vielleicht sogar etwas untypisch, weil ich als zutiefst politischer Mensch immer die Einheit Deutschlands als Herzenswunsch im Blick gehabt hatte, aber im Vergleich zu den meisten meiner Mitbürger weniger die D-Mark. Als ich am Ende der Kundgebung am 22. November die DDR-Hymne mit dem Text: „Deutschland einig Vaterland“ anstimmte, entsprach das damals genau meiner dominierenden Empfindung.

Sie sind dann trotzdem 30 Jahre als Stadtrat im Einsatz gewesen, arbeiten bis heute noch als Grüner in der Fraktion Bündnis mit.

Das war für mich auch eine Verpflichtung. Nachdem wir die Wende herbeigeführt haben, mussten wir auch die Vorzüge der demokratischen Selbstverwaltung der Gemeinden zum Tragen bringen. Angebote, auf höheren Ebenen mitzuwirken, habe ich immer abgelehnt. Für mich ist die Demokratie in den Dörfern und Städten am lebendigsten – auch wenn die Kommunen immer mit der Herausforderung zu kämpfen hatten und haben, dass über die Förderpolitik massiv auf die kommunale Selbstverwaltung Einfluss genommen wird.

30 Jahre sind eine lange Zeit. Welche Meilensteine sind Ihnen da besonders in Erinnerung?

Da fallen mir die Neugründung der Stadtwerke, die erstmalige korrekte Verarbeitung unserer Abwässer im neuen Klärwerk, der Neubau des Stadions mit allen finanziellen Komplikationen, die Rettung des Tierparks durch Übergabe an den Trägerverein, die Ortsumgehung B 87 oder auch die riesigen Anstrengungen zur Bewältigung des Hochwassers 2002 ein. Viele Jahre haben wir erbitterte Debatten um die Schulnetzplanung geführt. Heute sehe ich da Eilenburg gut aufgestellt, auch wenn wir inzwischen nachjustieren müssen. Als wichtige und richtige Weichenstellung empfand ich, dass 1994 Herbert Poltersdorf durch Hubertus Wacker als Bürgermeister abgelöst wurde. Ein Angestellter der Landesregierung, der Herrn Wacker bei den Verhandlungen um die Ansiedlung der Papierfabrik als patenten Burschen erlebt hatte, hatte ihn mir empfohlen. Ich kannte ihn bis dahin gar nicht, habe ihn dann aber beobachtet und mich massiv für seine Wahl eingesetzt. Die Feier nach seinem Wahlsieg ist mir noch in guter Erinnerung.

Was hätten Sie rückblickend vielleicht anders gemacht?

Eine katastrophale Fehleinschätzung habe ich nicht in Erinnerung. Vielleicht hätte es doch eine Möglichkeit gegeben, den alten Standort des Gymnasiums im Stadtzentrum durch Anbau zu erhalten. Auch die Berufsschule hätte nicht auf die Rote Jahne gehört, wobei dies aber nicht die Stadträte zu verantworten haben.

Wie fällt Ihr persönliches Fazit aus: Hat sich der Einsatz in den Umbruchzeiten und anschließend in der Kommunalpolitik gelohnt?

Da gibt es ein ganz klares JA. Wir haben in Eilenburg eine Menge erreicht. Nach 30 Jahren sehe ich meine Pflicht, die ich aus meiner Tätigkeit während der Wende hergeleitet habe, als erfüllt an. Jetzt müssen unbedingt Jüngere ran.

Der Weg der Eilenburger Demonstranten führte am 10. November 1989 auch an der Dienststelle der Stasi vorbei. Foto: privat